BIOGRAPHISCHE TEXTE DES AUTORS

1968

Ich war gerade mal fünfzehn Jahre alt – auf dem Heimweg vom Tanzkurs – damals, als ich zwar Karl May kannte, nicht aber Karl Marx.

 

und plötzlich war ich mitten drin.

 

Eine Energie, eine Gewalt, wie ich sie in meiner Stadt noch nie gesehen hatte.

 

Angst und Verwirrung … aber auch Faszination.

 

Ein Sommer, der mein Leben veränderte.

1977

Ich demonstriere gegen die Atomkraft in Gösgen – in meinem selbst gestrickten Pullover und den Birkenstock Sandalen. Fühle mich beschützt inmitten Gleichgesinnter. 

"Hoch die internationale Solidarität!" rufen wir.

Und wir sind sicher, dass man uns hört.

 

Doch, wo sollen wir beginnen?

Im Grossen oder im Kleinen?

1980

Wir wollen ein Jugendhaus – und freie Sicht aufs Mittelmeer – wollen alles und zwar sofort.  

Zürich brennt.

Ja, das ist meine Revolte – endlich. Und ich bin einfach mitten drin, so wie Tausende andere auch. 

Auch wenn der Liebeskummer in jenen Wochen noch viel stärker in mir brennt, 

als die Barrikaden auf den Strassen.

1982

Ich haue ab – aufs Land. 

Zu siebt bewirtschaften wir einen Bauernhof. 

Ohne Chef.

 

Wir diskutieren viel und streiten oft.

 

Manchmal liege ich erschöpft im Gras, wenn die Kühe nicht wollen, was ich will.  

Die Revolution liegt in weiter Ferne - meistens sind wir todmüde.

Gibt es vielleicht doch ein richtiges Leben im falschen?

1989

In Berlin fällt die Mauer. Endlich.  

Eine Euphorie – wie aus dem Nichts.

 

Ich treffe einen Freund aus früheren Tagen.

Auf unserem Spaziergang im Schnee will er nichts mehr wissen von unseren einstigen Träumen.

Das funktioniert doch einfach nicht mit dem Menschen – diesem Egoisten. 

 

Ich widerspreche. Es muss doch möglich sein – eine gerechte Welt.

Gibt es wirklich keine Alternative zum Kapitalismus mehr?

Sie bröckeln – meine Gewissheiten eines gelingenden Lebens. 

2001

Ich bin am Abwaschen – die Kinder sind in der Schule. 

Einfach reingeknallt!

Was für Vollidioten! So viele unschuldige Menschen zu töten. 

Wie soll ich meinen Kindern die Welt erklären?  

 

Gleichzeitig läuft mein Alltag in geordneten Bahnen.

Unser Eigenheim steht im Grünen – mit Blick in die Berge. 

Von Zeit zu Zeit spiele ich Tennis. 

Es gibt nichts, was mir fehlt – denke ich. Ich bin doch eigentlich glücklich, denke ich… 

2008

Die Banken wackeln. Und ich selber merke kaum etwas davon.

In Sekundenschnelle werden Milliarden verschoben – und vernichtet.

Weltweit wachsen die Schulden, alles ist vernetzt – auch ich. 

Manchmal trete ich spät nachts an mein Büchergestell.

Wo der gute alte Marx, mittlerweile 200-jährig, steht – verstaubt – vergessen – wie auch der Klassenkampf – diese treibende Kraft der Geschichte.

2011

In Syrien beginnt der Krieg, drei Flugstunden von uns entfernt und doch unendlich weit weg.

Dazwischen werden Mauern hochgezogen.

Bei uns schauen viele zuerst für sich. Sie machen Yoga und Pilates und beruhigen ihr Gewissen,

indem sie im Frühling Frösche über die Strasse tragen oder vor Weihnachten Lieder für den Frieden singen. 

Sie glauben an ein richtiges Leben im falschen und ich fühle mich einsam neben ihnen.

2015

Vier Jahre später – Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer.

Die traurigen Blicke der Geretteten brennen sich in mein Hirn.

Sie klopfen an die Mauern dieser reichen Welt, 

in die ich zufällig hineingeboren wurde und wo ich warm und sicher lebe.

 

Sie ertrinken im Meer – ich sitze im Theater. Die Gewohnheit ist eine mächtige Kraft. 

Diese Parallelität der Ereignisse – sie ist für mich kaum auszuhalten.

 

Es ist die Ungleichheit, die die Menschen zu uns treibt.

2016

Ein Immobilien Hai wird Präsident der USA.

 

Überall drängen seltsame Figuren an die Macht.

Autoritäre Populisten – demokratisch gewählt.

Die westlichen Demokratien erscheinen mit einem Mal ganz verletzlich. 

 

Wie konnten wir unsere Welt diesen Typen überlassen?

Was vor 30 Jahren als rechtsextrem galt, ist heute Mainstream geworden.

 

Was früher selbstverständlich war, dafür muss ich heute kämpfen.

Was ist geblieben von meiner Utopie, die nicht mehr gefragt ist? Im Moment scheint sie unerreichbar weit entfernt, versunken im Meer der Zeit. Doch – ich stelle nicht das Ziel in Frage, bloss weil wir noch nicht dort angekommen sind.