MIT TEXTEN VON

Guy Debord  1931 – 1994 

DIE GESELLSCHAFT DES SPEKTAKELS

Das Spektakel ist die Sonne, die über dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet sich endlos in seinem eigenen Ruhm.   1967

Ulrike Meinhof 1934 – 1976

BRIEF AUS DEM GEFÄNGNIS

 

Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat; völliges Scheitern, das zu vermitteln; Besuche hinterlassen nichts. Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute oder vorige Woche war.   1975

Arundhati Roy  *1961 

WIE TIEF SOLLEN WIR GRABEN?                 

Wenn ich an das World Trade Center denke, dann höre ich das Dröhnen, den tödlichen Trommelwirbel des aufwallenden Zorns. Bitte, bitte stoppen Sie den Krieg jetzt!   

2009

Dorothee Sölle 1929 – 2003

EIN KLAGEGEBET

 

An den Wasserflüssen Babylons sitzen unsere Freunde und weinen. Verschleppte, Vertriebene, Flüchtlinge, die wir Asylanten nennen, die die Spuren der Angst und des Leidens und des Heimwehs an ihrem Körper tragen, sitzen sie bei uns in Babylon, wo wir die Türme in den Himmel bauen und die Tiefflieger aufheulen lassen.   1986                 

POESIE UND AUFSTAND 

 

Momentan ist die Lage paradox – zugleich aufregend und zum Verzweifeln. Noch nie stand der Kapitalismus so kurz vor dem Zusammenbruch. Die Solidarität jedoch hat sich noch nie zuvor so weit von unserem Alltag entfernt wie heute.   2015

Franco Bifo Berardi  *1948
Franz Kafka  1883 – 1924   

DER BAU                  

Das schönste an meinem Bau ist seine Stille. Plötzlich einmal kann sie unterbrochen werden und alles ist zu Ende. Vorläufig aber ist sie noch da. Stundenlang kann ich durch meine Gänge schleichen und höre nichts als manchmal das Rascheln irgendeines Kleintieres, das ich dann gleich auch zwischen meinen Zähnen zur Ruhe bringe; sonst ist es still. So schlafe ich den süssen Schlaf des Friedens, des erreichten Zieles des Hausbesitzes.    1924

Slavoj Zizek   *1949

DER NEUE KLASSENKAMPF 

 

Es scheint, als wollten die  Flüchtlinge die globale Warenzirkulation auch auf Menschen ausweiten. Doch in unserer globalen Welt zirkulieren Waren frei, nicht aber Menschen.   2015

Philipp Blom  *1970    

WAS AUF DEM SPIEL STEHT                 

Für die meisten Menschen in den reichen Gesellschaften wird es enger. Wir leben in einem nie dagewesenen Luxus, und doch arbeiten viele länger und härter denn je, denn allen sitzt die Angst im Nacken. Wer einen Job hat, muss um ihn fürchten. Wer nichts hat, muss nicht verhungern, kommt aber nie wieder auf die Füsse.   2017

Bertolt Brecht  1898 – 1956     

AN DIE NACHGEBORENEN  

 

Dabei wissen wir ja: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht.   1938